Kein Wert ohne Leistung?
Besonders in unseren Breitengraden ist es gang und gäbe, dass unsere Leistung oft direkt mit unserem Wert verknüpft wird. Ein prestigeträchtiger Jobtitel, ein beeindruckendes Gehalt, sichtbare Erfolge – all das wird als Massstab genommen, um zu beurteilen, wer wir sind. Doch was passiert, wenn diese äusseren Marker plötzlich wegfallen oder ihre Bedeutung verlieren? Worüber definieren wir uns dann?
Schon in der Geschichte begegnen wir Persönlichkeiten, deren Selbstwert weit über gesellschaftlich verliehene Titel hinausging. Marie Curie etwa, zweifache Nobelpreisträgerin, hatte in ihrem Leben mit enormen Widerständen zu kämpfen. Ihr Wert lag nicht in dem, was ihr die Gesellschaft zuschrieb, sondern in ihrem unerschütterlichen Streben nach Wissen und Erkenntnis. Auch Vincent van Gogh war zu Lebzeiten weitgehend unbekannt, arm und ohne gesellschaftliche Anerkennung. Dennoch blieb er seiner inneren Überzeugung treu und schuf Werke von unvergänglichem Wert.
Die Herausforderung im modernen Arbeitsleben
Auch heute erleben viele Menschen im Arbeitsleben eine ähnliche Spannung. Sie wissen, dass ihr Selbstwert nicht an äussere Erfolge gebunden sein sollte, und doch fordert der Alltag sie ständig heraus, diese Trennung auch wirklich machen zu können. Psychologisch betrachtet liegt darin eine der grössten Herausforderungen: das eigene Selbst, beziehungsweise den eigenen Wert von äusserem Feedback zu entkoppeln.
Anerkennung verstehen und Selbstwert schützen
Ja, wir alle brauchen in gewissem Mass Anerkennung. Sie stärkt unser Gefühl von Kompetenz und gibt uns Orientierung im sozialen Miteinander. Positives Feedback kann unser Selbstvertrauen festigen, weil es unser Können und unsere Selbstwirksamkeit sichtbar macht. Doch allzu oft verwechseln wir Anerkennung mit der Bestätigung unseres Werts als Person. Scheitern wir, droht daraus eine tiefe Selbstwertkrise zu entstehen – weil wir das Nichterreichen einer Leistung mit persönlichem Versagen gleichsetzen. Wer seinen Wert nur aus Titeln, Erfolgen oder Anerkennung ableitet, setzt sich permanent unter Druck, ist anfällig für Selbstzweifel und läuft auf die Gefahr hinaus, dass beim Scheitern die komplette Welt zusammenbricht.
In der Praxis erlebe ich oft, dass Menschen erst dann Ruhe finden, wenn sie beginnen, sich auf ihre inneren Anker zu besinnen: persönliche Werte, ihre Integrität und das Vertrauen in den eigenen Weg. Diese innere Orientierung erlaubt es, Leistung zu geniessen, ohne sie mit Selbstwert zu verwechseln. Sie eröffnet die Freiheit, Entscheidungen nicht aus Angst vor Bewertung zu treffen, sondern aus innerer Klarheit und Überzeugung.
Reflexion und innere Klarheit gewinnen
Wir können uns fragen, wie sehr wir uns von äusseren Massstäben leiten lassen. Was bleibt, wenn wir Titel, Gehalt und Status einmal bewusst ausblenden? Welche Fähigkeiten, welche Eigenschaften, welche kleinen Handlungen machen uns wirklich aus – unabhängig von allem, was die Gesellschaft als „wertvoll“ einstuft? Treiben uns diese äusseren Marker an oder halten sie uns davon ab, das zu leben, was wir wirklich können und wollen? Und wie könnte es sich anfühlen, den eigenen Selbstwert vollständig aus dem eigenen Sein zu schöpfen, statt aus der Zustimmung anderer?
Vielleicht magst du dir einmal bewusst machen, wie sehr du dich selbst über jene äusseren Massstäbe definierst und was von dir übrigbleibt, wenn Titel, Status und Anerkennung keine Rolle mehr spielen. Spüre nach, welche Fähigkeiten, Eigenschaften oder kleinen Gesten dich im Kern ausmachen, auch wenn sie niemand sieht oder bewertet. Überlege, wann du Anerkennung als gesunde Rückmeldung erlebt hast, weil sie dich gestärkt hat, und wann du sie zu sehr mit deinem persönlichen Wert verwechselt hast. Frage dich, welche inneren Anker – deine persönlichen Werte, deine Integrität und das Vertrauen in deinen Weg – dir heute schon Halt geben könnten. Und stelle dir vor, wie es wäre, deinen Selbstwert vollständig aus deinem Sein zu schöpfen, statt aus der Zustimmung anderer.
Tipps zum Thema «Werte authentisch leben»:
- Innere Werte sichtbar machen: Notiere dir regelmässig, welche Werte dir wichtig sind und wie du sie im Alltag lebst.
- Anerkennung bewusst einordnen: Sieh positives Feedback als Rückmeldung zu deinem Tun – nicht zu deinem Wert oder Sein als Mensch.
- Status bewusst relativieren: Mache dir klar, dass Titel und Rollen nur eine Facette deines Lebens sind, nicht deine Essenz.
- Kleine Erfolge würdigen: Feiere bewusst die Schritte, die dir wichtig sind, auch wenn sie äusserlich unscheinbar wirken.
- Selbstwert verankern: Erinnere dich täglich daran, dass dein Wert in deinem Sein liegt – nicht in dem, was du leistest oder darstellst.
Was ich für dich tun kann
Mit meiner psychosozialen Beratung helfe ich dir, prozess- und personenzentriert die unterschwelligen Ursachen zu erkennen und zu verarbeiten. Dies fördert den Eigenprozess und deine damit verbundene Selbstentwicklung. Veränderungen brauchen Zeit. Um eine nachhaltige Lösung zu entwickeln, nutze ich die Prinzipien der 3E-Strategie als Grundlage.